Unser Verein Osttirol Natur hat alle Voraussetzungen dafür erfüllt, dass die Beschwerde gegen die 220kV-Freileitung der APG überhaupt möglich war.

Nach Bekanntwerden der Pläne für die Erneuerung der 220 kV-Leitung Lienz – Staatsgrenze, war für uns klar, dass diese, durch die Verlagerung der Freileitung in den Hang in den Bereichen Tristach/Amlach und Obertilliach, starke Auswirkungen auf Natur und Landschaftsbild haben würde. Deshalb haben wir fristgerecht zwei Stellungnahmen abgegeben und damit als anerkannte Umweltorganisation Parteistellung in dem Verfahren erhalten.

Bei Durchsicht der Einreichunterlagen und des Umweltverträglichkeitsgutachtens sind wir auf grobe Mängel gestoßen. Diese betreffen:

  • Die Bewertungsmethode für die Auswirkungen auf das Landschaftsbild (Trotz der von den Sachverständigen des Landes Tirol bestätigten untragbaren Auswirkungen der Freileitung auf das Landschaftsbild bei Tristach/Amlach und Obertilliach, stufte man das Projekt als umweltverträglich ein‼!)
  • Die Art und Weise, wie die Alternativen erfolgt ist (man untersuchte keine konkrete Alternativ-Variante und verglich somit ein konkretes Freileitungsprojekt mit einer unrealistischen Erdkabelvariante im Hang – etwas was man in der Realität nie umsetzen würde, wenn man das Erdkabel daneben im Talboden verlegen kann‼)
  • Die Nichteinhaltung von Richtlinien der Alpenkonvention (Energieprotokoll Artikel 10 Absatz 3 und Artikel 12 Absatz 2, welche den Status eines Bundesgesetzes haben) und von Bestimmungen des Tiroler Naturschutzgesetzes.

Aufgrund der finanziellen Unterstützung durch den TVBO konnten gerichtlich beeidete Sachverständige (DI Gerald Altenweisl und DI Robert Unglaub) und ein Rechtsbeistand (Mag. Wolfram Schachinger) herangezogen werden, um diese Sachverhalte zu prüfen.

Nachdem die Ungereimtheiten bestätigt wurden, haben wir am 27.3. 2026 Beschwerde gegen den positiven Bescheid der Tiroler Landesregierung eingebracht.

Wir verstehen die Notwendigkeit zur Verstärkung der Netzinfrastruktur. Infolge des Umstieges auf erneuerbare Energieträger zur Erreichung der CO2-Neutralität kann es zu stärkeren Stromschwankungen kommen, die durch stärkere Netze abgefedert werden müssen.

Wir alle wollen eine sichere Stromversorgung, doch es kann nicht sein, dass dafür andere lebenswichtige Ressourcen zerstört werden, die für die lokale Bevölkerung essenziell sind für Wohlbefinden und Wohlstand!

Eine gute Lösung sehen wir daher in einer Erdverkabelung in den sensiblen Bereichen bei Tristach/Amlach und Obertilliach. Um dies zu prüfen, haben unsere Sachverständigen bereits konkrete Vorschläge für eine Teilverkabelung in beiden Gebieten ausgearbeitet (sie haben somit das getan, was eigentlich die APG tun hätte sollen!), welche leicht umzusetzen wären und nur moderate Mehrkosten verursachen würden.

Es ist ja nicht so, dass wir den Strom gratis bekommen. Wir zahlen Netzgebühren und für jede kWh Strom. Die Stromanbieter werden gut an uns verdienen. Noch besser werden sie aber an Stromexporten nach Italien verdienen: wie die Import-Export Statistik des italienischen Netzanbieters TERNA zeigen, ist über diese Leitung bisher hauptsächlich Strom von Österreich nach Italien geflossen, in umgekehrte Richtung fast gar nichts.

Jetzt, durch die Erneuerung der 220 kV-Leitung, wird die Übertragungskapazität stark erhöht und das Vorhaben ist auch als PCI-Projekt, also ein Projekt zur länderübergreifenden Stromversorgung, eingestuft. Es ist also davon auszugehen, dass die Stromanbieter in Zukunft noch viel höhere Gewinne durch Stromexporte nach Italien erzielen werden.

Ok, sollen sie ihre Milliardengewinne machen – aber nicht zu unseren Lasten‼!

Das Mindeste, was man der lokalen Bevölkerung schuldig ist, ist, dass man auf ihre Bedürfnisse Rücksicht nimmt und wichtige Ressourcen, wie Natur und Landschaftsbild, soweit wie möglich schont!

Es darf nicht sein, dass durch eine Brutalvariante

  • intakte Landschaftbilder „untragbar“ (so die Bewertung der Sachverständigen des Landes Tirols im UVGA für Tristach/Amlach und Obertilliach) verschandelt werden
  • reichstrukturierte Hangwälder durch kilometerlange breite Schneisen rücksichtslos zerschnitten werden
  • seltene Tier- und Pflanzenarten ausgerottet werden
  • und Trinkwasserquellen vernichtet werden

Denn diese und weitere Beeinträchtigungen könnten uns in Zukunft teuer zu stehen kommen.

Wir dürfen eines nicht vergessen: Eben so sehr wie eine sichere Stromversorgung benötigen wir gesunde und funktionsfähige Ökosysteme, die den bevorstehenden Umweltveränderungen infolge der Klimakrise standhalten können. Sie sind die Basis für eine effektive Klimawandelanpassung und die Grundlagen unseres Lebens und Wirtschaftens.

Dementsprechend müssen wir darauf bestehen, dass immer jene Lösungen umgesetzt werden, die die Natur am wenigsten Belasten! Auch dann, wenn diese mit Mehrkosten verbunden sein sollten!

Wir werden uns daher mit vereinten Kräften für eine Teilverkabelung einsetzen und hoffen, dass es möglich ist, diesbezüglich eine Einigung mir der APG zu erzielen, ohne weitere Instanzen des Rechtsweges beschreiten zu müssen.

Wenn in Südtirol Erdkabel mittlerweile Standard sind, mit welcher Begründung will man diese dann in Osttirol verweigern?

Mag. Renate Hölzl, Obfrau, Verein Osttirol Natur

Kategorie
Tags